„Ich dachte, ich werde sterben“: Opfer von CSD-Anschlag berichten erstmals
Es sollte ein Tag des Feierns, der Freiheit und der Vielfalt werden. Doch der CSD in Berlin endete am 25. Juli in einer Katastrophe: Ein Mensch starb, 31 weitere wurden verletzt. Unter den Schwerverletzten waren auch Luise D. (Name geändert) und Sebastian S., die an dem Tag mit einer Gruppe von etwa 14 Freunden an der Veranstaltung teilnahmen. Das Paar wurde nicht von einem Auto erfasst, sondern bei dem Angriff im Tiergarten mit einer Machete schwer verletzt.

Im Gespräch mit der Zeitung „WELT“ berichteten die beiden erstmals ausführlich über das, was sie erlebt haben – und über die Fragen, die für sie bis heute offen sind.
Berliner CSD-Anschlag – Opfer berichtet: „Der kam auf mich zu, der hatte eine Machete in der Hand“
Für Luise D. begann der Angriff mit einem Mann, der plötzlich einfach vor ihr stand. „Der kam auf mich zu, der hatte eine Machete in der Hand“, erinnert sie sich. Mehrfach traf er sie am Oberkörper. Die Verletzungen seien so schwer gewesen, dass sie sofort das Bewusstsein verloren habe. Ihr Zustand war lebensbedrohlich.
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Als Sebastian S. bemerkte, dass seine Freundin angegriffen wurde, versuchte er, den Mann aufzuhalten. Dabei wurde auch er selbst schwer verletzt. Der Angreifer zertrümmert Sebastian mehrere Rippen und trifft seine Lunge. „Ich habe dann so ein Zischen gehört und sah tatsächlich, dass meine Lunge nach außen trat“, erinnert er sich. Trotz seiner Verletzungen versuchte er, Hilfe zu finden. Blutend läuft er über die Wiese, bis seine Kräfte nachlassen. „Das Blut floss aus mir raus, meine Lunge quoll heraus und ich bin dann da zusammengebrochen auf die Knie“, erzählt der 47-Jährige.
Paar schwebte bei CSD-Anschlag in Lebensgefahr: „Das Blut floss aus mir raus“
Eine junge Frau entdeckte Sebastian S. und reagierte sofort. Sie legte ihm einen Druckverband an. Kurz darauf kümmerte sich ein Polizist um ihn und versuchte, ihn bei Bewusstsein zu halten. Für den 47-Jährigen war zu diesem Zeitpunkt nicht klar, ob er überleben würde. „Ich dachte wirklich, ich werde da sterben.“
Die Rettungskräfte brachten ihn schließlich ins Virchow-Klinikum. Dort folgte eine fünfeinhalbstündige Notoperation. Nach seiner Schilderung sei er zwischenzeitlich sogar klinisch tot gewesen. Auch Luise kämpfte in dieser Nacht um ihr Leben. Erst nach einer Notoperation wachte sie am nächsten Tag im Krankenhaus wieder auf. Bis in die frühen Morgenstunden hatte sie sich in Lebensgefahr befunden.
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War der Machetenmann der CSD-Angreifer?
Als mutmaßlicher Täter des CSD-Anschlags gilt der 21-jährige Abdul Ballout. Die Polizei beschrieb ihn als etwa 1,90 bis 1,95 Meter großen Mann mit heller Hose. Luise ist überzeugt, dass der Machetenmann nicht Ballout gewesen sein kann. Allerdings hatte sie sich während des Angriffs vom Täter weggedreht und verlor kurz darauf das Bewusstsein.
Sebastian hat andere Erinnerungen an den Angriff. Für ihn ist es durchaus möglich, dass es sich bei dem Angreifer um Ballout handelte. Im Krankenhaus wurden ihm nach eigenen Angaben mehrere Fotos gezeigt. „Und da hatte ich dann auch auf den gezeigt“, berichtet er der „WELT“.
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Gerüchte um einen zweiten Täter
Kurz nach dem Angriff gab es Spekulationen über einen möglichen zweiten Täter. Tatsächlich nahm die Polizei im Tiergarten zunächst auch den Iraner Taymaz S. fest. Er wurde zur Gefangenensammelstelle am Tempelhofer Damm gebracht und verhört. Mangels Beweisen kam er anschließend wieder frei.
Luise hatte nach eigenen Angaben nur einen Angreifer wahrgenommen. Sebastian hingegen hatte unmittelbar nach der Tat den Eindruck, dass zwei Personen aus dem Gebüsch gekommen seien und miteinander agiert hätten. Ob es sich dabei tatsächlich um einen zweiten Täter oder um einen unbeteiligten Mann handelte, kann auch Sebastian nicht sicher sagen.
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Die Polizei geht inzwischen nicht mehr von einem zweiten Täter aus. Der entsprechende Verdacht habe sich nicht erhärten lassen. Für Luise bleiben dennoch viele Fragen offen. Besonders ärgert sie, dass sie und andere Überlebende nach eigener Darstellung nur wenig über den Stand der Ermittlungen erfahren. „Sie wollen immer nur Informationen von uns haben. Wir kriegen von denen gar keine Informationen“, klagt sie.
„Ich wüsste einfach gerne, ob der Typ noch herumrennt“
Vor allem eine Frage lässt Luise nicht los: Was ist aus dem Mann geworden, der sie mit der Machete angegriffen hat? „Ich wüsste einfach gerne, ob der Typ noch herumrennt“, sagt sie. Warum diese Information zu viel verlangt sein sollte, verstehe sie nicht. Selbst wenn die Ermittler ihr die Information nicht offiziell geben könnten, hätte ihr eine Mitteilung „unter der Hand“ genügt.
Dass sie nun überhaupt öffentlich über die Tat spricht, habe auch damit zu tun, dass sie sich als Opfer bisher nicht ausreichend wahrgenommen fühlt. Obwohl der CSD-Angriff in Berlin bundesweit für Entsetzen sorgte, habe sie selbst das Gefühl, in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vorzukommen.
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„Mein Attentat hat bis jetzt gar nicht stattgefunden. Ich hätte sterben können, hätte behindert sein können, ich hätte entstellt sein können“, sagt Luise. Auch der Umgang mit den Ermittlern beschäftigt die beiden. Luise berichtet von einem Freund, der mitten in der Nacht gegen 2.30 Uhr telefonisch als Zeuge befragt werden sollte. Sebastian sei ebenfalls mehrfach zu ungewöhnlichen Zeiten vernommen worden – unter anderem auf der Intensivstation, während er sich noch von seinen schweren Verletzungen erholte.
Kritik an den Ermittlungen
Trotzdem betont er, dass er den Beamtinnen und Beamten grundsätzlich nichts vorwerfen wolle: „Ich wollte nur sagen, dass die Beamtinnen und Beamten an sich auf jeden Fall sehr vorsichtig und auch empathisch und höflich waren.“ Was ihm dennoch gefehlt habe, sei Rücksicht auf die Situation der Verletzten gewesen. Vernehmungen von Schwerverletzten und Zeugen sollten aus seiner Sicht zu normalen Tageszeiten stattfinden.
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Für Luise und Sebastian ist der Angriff damit auch Wochen später nicht abgeschlossen. Die körperlichen Verletzungen mussten behandelt werden – die Fragen rund um die Tat und den Mann mit der Machete sind für die beiden dagegen bis heute nicht vollständig beantwortet.
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Über den Autor
Mit über 15 Jahren Erfahrung im Hauptstadtsjournalismus leitet Markus S. die Redaktion von Hauptstadt-Report.de. Sein Fokus liegt auf der politischen Berichterstattung aus dem Berliner Senat und der Einordnung komplexer gesellschaftlicher Entwicklungen. Er steht für kompromisslose Unabhängigkeit, präzise Analysen und die Einhaltung höchster journalistischer Standards.
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