Lange Nacht der Museen 2026: Crime-Spiele, Tatwerkzeuge, Mörder und Ganoven
Wenn Berlin dieses Jahr zur Langen Nacht der Museen lädt, geht es nicht nur um Kunst. Das Motto „Crime“ führt tief hinein in dunkle Kapitel der Hauptstadt und bietet abenteuerliche Detektivspiele. Am Samstag, den 29. August, öffnen 75 Häuser von 18 Uhr bis 2 Uhr morgens – 750 Angebote haben die Museen sich ausgedacht. Unmöglich, alle wahrzunehmen! Aber wer die Nacht gut plant, kann in den sieben Nachtstunden viel erleben.

Auch das Käthe-Kollwitz-Museum im Theaterbau am Schloss Charlottenburg nimmt an der LNDM teil. Es ist eines von fünf Museen, in denen Besucher „Undercover in Charlottenburg“ eine Detektivtour machen können. © BM | Iris May
In Charlottenburg kann man bei der LNDM eine Detektivtour durch fünf Museen machen. Ein besonders atmosphärischer Stopp ist die Sammlung Scharf-Gerstenberg, in der Schloßstraße 70 in Charlottenburg. In der Remise können Besucher Scherenschnitte aus der Unterwelt anfertigen. Außerdem gibt es ein Mitmachstück unter dem Titel „Komödie im Zwielicht“: Welche kriminellen Geister bewegen sich hinter den Schatten? Wer es lieber tanzend angeht, kann im Kollwitz-Museum im Theaterbau am Schloss Charlottenburg am Spandauer Damm 10 zwischen 19 und 21 Uhr beim Kriminaltango mitmachen.
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Lesungen um Berlins legendären Ermittler Ernst Gennat
Ein echter Geheimtipp ist die Polizeihistorische Sammlung am Platz der Luftbrücke 6 in Berlin-Tempelhof. Die Ausstellung ist zwar sichtbar in die Jahre gekommen. Gerade das macht den Ort aber auch besonders. Getragen wird er von einem ehrenamtlichen Verein, in dem ehemalige Polizisten und Kommissare ihr Wissen weitergeben.

Zur Langen Nacht steht dort ab 23 Uhr eine szenische Lesung über Ernst Gennat auf dem Programm, der „Buddha vom Alexanderplatz“ genannt wurde. Gelesen wird aus Briefen rund um eine Mordserie an Geldbriefträgern im Berlin der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Gennat taucht auch an anderer Stelle auf: Im Schloss Charlottenburg liest Autorin Regina Stürickow um 19 Uhr und um 19.45 Uhr aus ihrem Roman „Kommissar Gennat und der Raubmord am Ku’damm“. Es geht darin um einen Mord an einem Geldbriefträger im Jahr 1936.

Legende und Urgestein der Berliner Mordermittlung: Kriminalkommissar Ernst Gennat im Jahr 1926. In der TV-Serie „Babylon Berlin“ wird Gennat von Udo Samel dargestellt.© ullstein bild - ullstein bild | ullstein bild
Auch im Europa-Center, in der Tauentzienstraße 9–12 in Charlottenburg, kann man sich auf Spurensuche begeben. Die Ausstellung über das Romanische Café wird am Abend zum Schauplatz faszinierender Berliner Kriminalgeschichte. Das Programm startet um 19 Uhr mit einer Lesung. Um 20 Uhr lädt Arne Krasting zu einer Expressführung ein, die in die literarische Welt von Gereon Rath entführt. Direkt im Anschluss, um 20.30 Uhr, rekonstruiert Michael Bienert in einem Bildvortrag die spektakulären Einbrüche der legendären Brüder Sass im Romanischen Haus. Teil seines Programms ist zudem ein fiktives Interview mit dem Kriminalkommissar Ernst Engelbrecht, der in den 1920er-Jahren die Razzien organisierte. Um 21 Uhr beleuchtet Katja Baumeister-Frenzel den Fall Otto Wacker – die Geschichte eines Tänzers, der für den größten Kunstskandal Berlins sorgte. Um 23 Uhr lädt Arne Krasting noch zur Tour „Kokain, Prostitution, Insolvenzen – Verbrechen rund ums Romanische Café“ ein.

Der bekannte Stadtführer Arne Krasting bietet während der LNDM zwei „Crime“-Touren rund um den Kudamm an.© Anikka Bauer
Eine echte Stasi-Akte und ungeklärte DDR-Verbrechen
Wer es politischer und historisch schärfer mag, sollte Richtung Lichtenberg fahren. Das Stasi-Museum liegt im Haus 1 der ehemaligen Stasi-Zentrale an der Normannenstraße, wo einst Tausende Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit arbeiteten. Die original erhaltenen Räume von Erich Mielke gehören zu den eindrücklichsten Orten Berliner Zeitgeschichte. Zur Langen Nacht geht es unter anderem um die Beispielakte „Janett“: Sie zeigt, wie Kriminelle in West-Berlin als Informanten und Helfer für die Staatssicherheit angeworben wurden. Dazu kommt ein Filmprogramm mit dem Titel „Mysteriöse Kriminalfälle der DDR“. Es beleuchtet wenig bekannte Fälle und die Frage, wie die Stasi Straftaten vertuschte. Prof. Daniela Münkel führt in das Filmprogramm ein, das von 21 Uhr bis Mitternacht läuft.

Das Stasi-Museum in der Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstraße im Haus 1 der ehemaligen Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS, Stasi).© picture alliance / ZB | Jens Kalaene
Volkspolizei, Profiler und ein Escape-Krimispiel
Im DDR‑Museum, Karl-Liebknecht-Straße 1 in Mitte, direkt gegenüber dem Berliner Dom an der Spreepromenade, steht bei der LNDM die Volkspolizei im Mittelpunkt. Es werden aber auch verbotene West-Literatur und West-Jeans gezeigt. Der bloße Besitz von West-Produkten war ein rechtlicher Graubereich, während die Einfuhr, Verbreitung und Weitergabe streng verboten waren und drakonische Strafen nach sich ziehen konnten. Wer Spionage eher als psychologisches Spiel versteht, ist im Deutschen Spionagemuseum am Leipziger Platz richtig. Beim Late-Night-Special ab 23 Uhr erklären der ehemalige Geheimagent Leo Martin und Profiler Patrick Rottler, wie Drohbriefe analysiert werden. Das dürfte einer der Abende sein, bei denen man mit einem anderen Blick auf Handschrift, Wortwahl und scheinbare Nebensätze nach Hause geht.

Verbrecherjagd in der DDR: gedrosselte Behördenversion eines Motorrades für die Volkspolizei. Es fuhr maximal 100 km/h, besaß aber immerhin eine Sondersignalanlage und Funkgeräte.© BM | DDR Museum
Sehr familienfreundlich, aber keineswegs harmlos, wird es im Museum für Kommunikation in der Leipziger Straße 16 in Mitte. Von 18 bis 22 Uhr heißt es „Tatort Museum: Fälscher, Ganoven und Geheimnisse“ – mit Mitmachaktionen rund um Phantombilder, Fahndungsfotos und geheime Botschaften. Parallel wird das Haus zur spielerischen Gangsterwelt: Es gibt eine Glam-Bar mit 20er-Jahre-Look, eine Crime-Spielestation mit Cluedo, Black Storys und Mafia auf dem Commodore 64, dazu eine Speakeasy-Bar mit versteckter Cocktailkarte. Besonders ambitioniert klingt die „Escape Mission: Das Rathenau-Geheimnis“. Bis zu sechs Personen folgen Hinweisen und Codes durch das Museum, um ein seit mehr als 100 Jahren ungelöstes Attentat aufzuklären. Später am Abend laufen Gangsterfilme im Liegestuhl, um 23 und 0 Uhr folgt die Performance „Some like it hot wired“ – eine Prohibitionskomödie mit Mafia, Geheimcodes, Live-Musik und Publikumseinbindung.

Im Museum für Kommunikation heißt es bei der LNDM 2026 „Mafia, Morse und Martini“. Hier eines der Exponate, ein Fernsprechtischapparat aus dem Jahr 1906.© BM | Museum für Kommunikation
Kunstraub und Morde aus Eifersucht
Auch die großen Kunsthäuser greifen das Crime-Motto überraschend konkret auf. In der Gemäldegalerie am Matthäikirchplatz in Mitte geht es um berühmte Verbrechen in der Kunst, etwa Judith und Holofernes, aber auch um geraubte und zurückgekehrte Bilder. Um 20.30 Uhr erklärt Stefan Kemperdick die Geschichte einer berühmten Madonna von Jan van Eyck, die 1874 erworben, 1877 gestohlen und zwei Wochen später wiedergefunden wurde. Schon um 18.30 und 19.30 Uhr verbindet eine Doppelführung Gemälde und Außenraum: Es geht um Giftpflanzen auf Bildern und um gefährliche Pflanzen rund um das Kulturforum. Ebenfalls um 18.30 Uhr und 19.30 Uhr steht Neid in Florentiner Malerwerkstätten auf dem Programm – und die Frage, wie Konkurrenz in Verbrechen mündete.

Der Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums Berlin bei Nacht. Bei der LNDM gibt es diesmal zwei Ausstellungen und eine Lesung zum Thema „Crime“.© BM | Iris May
Auf der Museumsinsel, vor der James-Simon-Galerie, begleitet der Stummfilmkomponist und Pianist Stephan Graf von Bothmer Kriminal- und Stummfilme. Die Vorführungen um 20.45, 21.30 und 22.15 Uhr sind ideal für alle, die Crime spüren wollen. Im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums (Adresse: Hinter dem Gießhaus 3 in Mitte) gibt es zwei Ausstellungen zum Thema „Crime“: Um 23 Uhr liest Anne Stern aus „Die Weiße Nacht“. Der Roman spielt in Berlin. Im Winter 1946 entdeckt die Fotografin Lou eine Frauenleiche im Schnee.
Urban Nation Museum und Medizinhistorisches Museum
Wer die Nacht lauter, jünger und urbaner beschließen will, landet im Urban Nation Museum in der Bülowstraße 7 in Schöneberg. Dort interpretieren die Artists „Age Age“ und Tomsta das Thema Crime live mit der Spraydose; das Ergebnis bleibt bis zum letzten Sprühstoß geheim. Später legt DJ „Djoe“ auf. Einen drastischeren Blick auf echte Kriminalgeschichte bietet das Medizinhistorische Museum im Virchowweg 17 (Hörsaalruine: Virchowweg 16): Unter dem Titel „Crime in Berlin – Tatort Medizingeschichte“ werden rechtsmedizinische Exponate aus realen strafrechtlichen Untersuchungen, detailreiche Wachsmoulagen und Tatwerkzeuge im Präparatesaal gezeigt. Im Vortrag „Crime – Das Objekt als Täter?“ werden um 19, 21.30 und 23.30 Uhr Tatwerkzeuge vorgestellt und analysiert. Welche Hinweise geben sie auf medizinische Praktiken, Gewalt oder gesellschaftliche Normen? Constanza Macras wird zudem um 23 und 0.30 Uhr die Performance „Bodies in motion“ in der Hörsaalruine der Charité zeigen.

Weltkriegsdenkmal: In der ikonischen Hörsaalruine der Charité gibt es während der LNDM interessante Vorträge von Experten zum Thema „Tatort Medizingeschichte“.© BM | Marcus Ebener
Die besten Insider-Tipps dieser Langen Nacht sind also nicht unbedingt die bekanntesten Häuser, sondern die Orte, an denen das Motto lebendig wird: die etwas schräge Polizeihistorische Sammlung, die Orgel mit „Tatort“-Melodie in der Nikolaikirche, die Stasi-Akte „Janett“, die Escape-Mission im Museum für Kommunikation oder die gestohlene Madonna in der Gemäldegalerie. Wer die Route klug wählt, erlebt Berlin in dieser Nacht als riesigen Tatort.
Tickets für die Lange Nacht der Museen 2026 für 23 Euro, ermäßigt 17 Euro. Komplettes Programm hier. Bequem zu allen Crime-Abenteuern per Busshuttle, siehe Online-Karte.
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Über den Autor
Mit über 15 Jahren Erfahrung im Hauptstadtsjournalismus leitet Markus S. die Redaktion von Hauptstadt-Report.de. Sein Fokus liegt auf der politischen Berichterstattung aus dem Berliner Senat und der Einordnung komplexer gesellschaftlicher Entwicklungen. Er steht für kompromisslose Unabhängigkeit, präzise Analysen und die Einhaltung höchster journalistischer Standards.
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