Verdrängung kleiner Läden in Berlin-Mitte: Investoren setzen auf „Hinhaltetaktik“
Überall in Berlin schließen inhabergeführte Läden, verschwinden immer mehr Lotto- und DHL-Post-Shops: ob im Akazienkiez in Schöneberg, in Schmargendorf, in Prenzlauer Berg oder in Berlin-Mitte. In der kleinen Ladenzeile im Romantik-Kiez nahe der Torstraße zeigt sich gerade beispielhaft, wie Verdrängung beginnt: leise, zäh – und für die Betroffenen existenzbedrohend. Jana Bieselt betreibt seit 1999 gemeinsam mit ihren Kindern einen kleinen Lottoshop, einen Familienbetrieb, der für viele Nachbarinnen und Nachbarn längst mehr ist als nur eine Annahmestelle: ein Ort für kurze Gespräche, für Alltag im Kiez.

Doch seit ein neuer Investor das Gebäude übernommen hat, steht für sie alles Kopf. Im Dezember 2025 erhielt sie die Kündigung. „Ich werde um diesen Laden kämpfen bis zum Schluss“, sagt Bieselt der Morgenpost. „Alles, was ich habe, steckt da drin. Es ist ein Familienbetrieb.“ Sie hat dem neuen Eigentümer sogar angeboten, die doppelte Miete zu zahlen – trotzdem seien die Gespräche „ohne Ergebnis“ geblieben, berichtet sie. Vielmehr hat sie das Gefühl, mit einer „Hinhaltetaktik“ konfrontiert zu sein, bei der ihre Hoffnungen immer wieder vertagt werden, ohne dass echte Zusagen kommen.

Novalisstr. 13 im Romantik-Kiez nahe der Torstraße in Berlin-Mitte.© BM | Privat
Ergotherapie-Praxis-Besitzerin gibt auf
Dass es auch anders ausgehen kann, zeigt die Geschichte von Nadja Schünemann. Sie betreibt seit 1991 eine Ergotherapie-Praxis im Hinterhaus – auch ihr Betrieb ist tief im Viertel verankert. Doch sie hat aufgegeben. Ende Dezember wird sie ausziehen. Ihr Beispiel verdeutlicht, wie Abrissbirnen in solchen Häusern heute nicht mehr aus Beton, sondern aus Verträgen, Fristen und steigenden Kosten bestehen.
Hinter der geplanten Umwandlung des Hauses in sogenannte Mikro-Apartments steht ein deutsch-israelisches Unternehmen mit Sitzen in Berlin, Israel und den USA. Die Bezirke haben Kenntnis von insgesamt 19 Objekten in Berlin, die diesem Unternehmen zugeordnet werden. Die Strategie ist bekannt: Es werden „Sanierungs- und Aufwertungsobjekte“ günstig gekauft, alte Mieterinnen und Mieter unter Druck gesetzt, auszuziehen, Gewerbe wird meist zuerst gekündigt.

Berlinerinnen und Berliner versammelten sich Anfang 2026, um über die Zukunft des Wohnhauses in der Novalisstraße 13 zu sprechen.© BM | Tilmann Häußler
Reparaturen bleiben aus, dafür steigen die Betriebskosten deutlich – offiziell für ein „Facility-Management“, das nach Angaben aus dem Kiez nur selten sichtbar wird. Gleichzeitig werden radikale bauliche Veränderungen vorangetrieben: Dachwohnungen, neue Balkone, Umbauten, die aus bislang bezahlbaren Wohnungen ein Produkt für ein anderes, zahlungskräftiges Klientel machen. Für normale Mieterinnen und Mieter werden diese Wohnungen damit schrittweise unbezahlbar.
Immobilien-Insider: „Menschlich und fachlich fragwürdig“
Frank Rommel beobachtet diese Entwicklung mit tiefer Sorge. Er, hat zu einem Teil im gehobenen Immobilienmanagement gearbeitet und ist heute im Ruhestand. Er zieht eine bittere Bilanz: Ein ausländischer Investor ohne Wohnsitz in Deutschland erwerbe „in ausgeklügelter Art“ rund 20 Wohnhäuser, schicke – „wie bei denen oft so üblich“ – menschlich und fachlich fragwürdige, oft kaum erreichbare Verwalter als „rapiate Handlanger“ zu Menschen wie Jana, „die unseren Romantik Kiez lebenswert machen“, und nehme „in einer unermesslichen Gier die Existenz“. Mehrere Gesprächsangebote, auch seitens der Bezirksbürgermeisterin, wurden „mit gefrorenem Lächeln auf die lange Bank geschoben“, sagt Rommel. Er beschreibt einen Umgang von Investoren, bei dem mit den Hoffnungen der Mieterinnen und Mieter spekuliert werde, ebenso mit den Bemühungen der gewählten Behörden wie zum Beispiel der Bezirksbürgermeisterin. Ferner stellt er allgemein fest, dass solche Investoren Auflagen und Verordnungen „bewusst“ missachten, Gesetzeslücken von Staranwälten „ausloten und allzu oft zum Leid ehrlicher Bürger ausnutzen“. Sein Vorwurf ist deutlich: Der Staat wirke oft „wehr- und zahnlos“ gegenüber solchen Investoren. Wenn, der Regierende und Politiker mahnen, man solle die „geschätzten ausländischen Investoren“ nicht verärgern, damit die „fragwürdige Olympiade“ nicht gefährdet werde, dann weiß er aus seinen Erfahrungen: Zu diesen Stadien und Häusern, haben die Kinder von Alleinerziehenden keinen sportlichen Zugang.
Appell an Mieter und Einordnung der Entwicklung
Am Ende unseres Gesprächs richtet Rommel einen Appell an alle Mieterinnen und Mieter, der über den Kiez hinausweist: „Schreibt einen Brief oder eine Karte an Euren noch alten Hausbesitzer, er möge doch sicherstellen, dass Eure Wohnungen nicht bei diesen Investoren landen. Da gibt es einige Möglichkeiten die Hausbesitzer und Mieter gemeinsam als (Stiftung Trias, Miethäuser-Syndikat MHS etc.) einrichten, um die Wohnungen und Kleingewerbe dauerhaft den Spekulanten zu entziehen. Er verweist auf das Recht auf eine bezahlbare, würdige Wohnung als Menschenrecht.“
Die Frage nach Wohnraum ist für ihn nicht nur eine juristische oder politische, sondern auch eine moralische. Im Mai hat er in der evangelischen Kapelle der Versöhnung auf dem ehemaligen Todesstreifen bei dem Gottesdienst „Du sollst sicher wohnen“ mitgewirkt. In Bibelzitaten über die Gier nach unbegrenztem Grundbesitz und das rücksichtlose Streben nach immer mehr Eigentum auf Kosten der Allgemeinheit vorgetragen wurden. Eines dieser Zitate lautet: „Wehe denen, die sich ein Haus nach dem anderen bauen und ein Grundstück nach dem anderen kaufen, bis keines mehr übrig ist! Sie finden erst Ruhe, wenn das ganze Land ihnen gehört!“ Für die Menschen in den Kiezen von Berlin klingt dieser Satz nicht wie ein fernes Wort aus einer anderen Zeit – nein, es wird auch heute wieder so vor ihrer Haustür erlebt
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Über den Autor
Mit über 15 Jahren Erfahrung im Hauptstadtsjournalismus leitet Markus S. die Redaktion von Hauptstadt-Report.de. Sein Fokus liegt auf der politischen Berichterstattung aus dem Berliner Senat und der Einordnung komplexer gesellschaftlicher Entwicklungen. Er steht für kompromisslose Unabhängigkeit, präzise Analysen und die Einhaltung höchster journalistischer Standards.
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