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Wohnen in Büros? So wollen die Grünen mit Riesen-WGs Wohnraum schaffen

Markus S. · 27. August 2026, 16:44 Uhr · 5 Min. Lesezeit · 4 Aufrufe
Wohnen in Büros? So wollen die Grünen mit Riesen-WGs Wohnraum schaffen

Werner Graf fühlt sich an seine alte WG erinnert. Der Spitzenkandidat der Grünen für die Berlin-Wahl steht inmitten wild zusammengewürfelter Möbel auf einer 550 Quadratmeter großen Etage in Kreuzberg. Graf ist zu Gast in den Sarotti-Höfen. Hier, wo früher Schokolade produziert wurde, will Unternehmer und Netzwerker Sascha Alexander Wolf praktisch sichtbar machen, was Teil einer Antwort auf die Mietenkrise sein soll: temporäres Wohnen in leer stehenden Büros.

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Geschlafen werden soll in kleinen Boxen, wie man sie als Telefonkabinen aus Großraumbüros kennt. Sechs Quadratmeter sind sie – nun ja – groß. Umso weiträumiger ist die Gemeinschaftsfläche. Auf über 500 Quadratmetern erstreckt sich die Etage, die gemeinsam genutzt werden soll. In einer Pilotphase sollen ab Oktober fünf Bewohner einziehen. Im Frühjahr des nächsten Jahres sollen fünfzehn weitere folgen. Es gibt mehrere Klos und Duschen. Eine Küche ist bereits eingebaut, eine zweite soll folgen.

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Weil der Umbau in Wohnungen oft Jahre dauert, sollen temporäre Zwischennutzungen einziehen

Graf hat früher selbst in einer Neuner-WG gewohnt. Auch da waren die Zimmer klein, und man traf sich in der Küche und im Wohnzimmer. Ginge es nach den Grünen, soll es in Zukunft auf möglichst vielen leeren Büro-Etagen genauso laufen. Rund zwei Millionen Quadratmeter stehen aktuell leer. Die rechtlichen und praktischen Hürden für die Umnutzung zu echtem Wohnraum – mit neuen Wänden, Rohren und Anschlüssen – sind hoch. Die Grünen wollen zwar die Standards senken und den Umbau erleichtern, forcieren aber auch die Zwischennutzung als schnell wirksame Alternative.

Graf will deshalb eine Agentur für den Umbau und die Umnutzung von leer stehenden Flächen einrichten. Sie soll den Bestand analysieren und vorschlagen, wo Verfahren erleichtert und die Bauordnung angepasst werden müssen. Und sie soll als Koordinierungsstelle für Eigentümer und beteiligte Akteure fungieren. Graf weiß, dass es nicht die eine Pauschallösung gibt, wie auf leeren Büroflächen gewohnt werden kann. In jedem Einzelfall seien individuelle Lösungen nötig.

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„Berlin war immer dann stark, wenn es kreativ mit Leerstand umgegangen ist“, sagt der Bürgermeisterkandidat. Die Hauptstadt habe kein Flächen-, sondern ein Nutzungsproblem. Aktuell sind temporären Beherbungskonzepten aber enge Grenzen gesetzt. Länger als sechs Monate dürften die jungen Menschen, an die sich das Angebot in erster Linie richtet, nicht unterkommen. Ändern könnte der Senat das per Rechtsverordnung. Die maximale Wohndauer könnte so auf zwei Jahre ausgeweitet werden.

Die Miete soll maximal 500 Euro betragen

Wolf, der Unternehmer, der hinter dem Pilotprojekt in den Sarotti-Höfen steht, freut sich über die politische Unterstützung der Grünen. Zwar würden auch andere Parteien die Umnutzung von leeren Büros in Wohnraum fordern, aber die Grünen seien die Ersten, die detaillierte Vorschläge machen würden, sagt er. Ende November, bei „Neustart Berlin“, einer Zukunftskonferenz, die von der Berliner Morgenpost, dem Tagesspiegel und dem RBB organisiert wurde, hatte Wolf seine Idee präsentiert. Bald könnte sie nun konkretes Regierungshandeln werden. Denn an den Grünen führt in der nächsten Regierung – ob jetzt mit der Linken oder der CDU – kein Weg vorbei.

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Die Räumlichkeiten in Kreuzberg sind eine Art Showroom, um die Idee bekannt zu machen. Und um zu zeigen, wie es praktisch funktionieren kann. Damit zu erahnen ist, wie es sich hier später mal wohnt, haben Wolf und sein Team am Wochenende noch die Betten zusammengeschraubt. Später sollen die Boxen unmöbliert vermietet werden – für 500 Euro. Das sei die „magische Obergrenze“, sagt Wolf. Dabei rechnen Eigentümer eigentlich mit 25 Euro pro Quadratmeter für die gewerbliche Nutzung. Für eine Vermietung zu Wohnzwecken bekämen sie weniger – allerdings deutlich mehr als nichts. Investoren, die sich mit den leer stehenden Büroflächen verspekuliert haben, dürfte das gelegen kommen.

„Sobald ein richtiger Mieter gefunden wird, sind wir sofort wieder weg“

Weil Homeoffice längst Alltag geworden ist und KI sich immer weiter ausbreitet, rechnet Wolf damit, dass sich am Leerstand absehbar nicht viel ändern wird. Er bietet den Eigentümern deshalb an, die Flächen für ein, zwei Jahre zu einem günstigeren Preis zu übernehmen. Der Gebäudewert bliebe dann – trotz der Vermietung zu einem niedrigeren Preis – erhalten. Eben weil es sich nur um eine Zwischenlösung handelt. „Sobald ein richtiger Mieter gefunden wird, sind wir sofort wieder weg“, sagt Wolf.

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Wie groß der Bedarf ist, wurde vor ein paar Wochen deutlich, als in Berlin das erste kommunale Wohnheim für Auszubildende eröffnet wurde. Für 154 Plätze gingen knapp 1200 Bewerbungen ein. Für die rund 200.000 Studierenden in Berlin bietet das Studierendenwerk aktuell 9400 Plätze an.

Für Graf ist die temporäre Nutzung oder dauerhafte Umnutzung leer stehender Flächen aber auch eine Klima-Frage. Während Berlin immer heißer und heißer werde, müssten bestehende, bereits versiegelte Flächen genutzt werden, statt auf grünen Wiesen neu zu bauen, argumentiert er.

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Markus S.

Über den Autor

Markus S. Chefredakteur

Mit über 15 Jahren Erfahrung im Hauptstadtsjournalismus leitet Markus S. die Redaktion von Hauptstadt-Report.de. Sein Fokus liegt auf der politischen Berichterstattung aus dem Berliner Senat und der Einordnung komplexer gesellschaftlicher Entwicklungen. Er steht für kompromisslose Unabhängigkeit, präzise Analysen und die Einhaltung höchster journalistischer Standards.

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