Berliner Historie: Wahrheit oder Illusion der Altstadt?
Nach einer Dekade voller Diskussionen steht nun die endgültige Entscheidung zur Neubebauung der historischen Altstadt rund um Molkenmarkt und Parochialgasse fest. Das ehrgeizige Ziel besteht darin, das historische Zentrum Berlins, das während des Zweiten Weltkriegs nahezu vollständig verwüstet wurde, wiederherzustellen. Im Jahr 1945 war etwa 80 Prozent des alten Berliner Stadtkerns im Bezirk Mitte zerstört, und nur wenig blieb unbeschädigt. Einige Strukturen wurden wiederaufgebaut oder vollständig neu im Stil der einstigen Architektur errichtet. Doch wie sah das alte Berlin wirklich aus? Welche Spuren sind aus dieser Zeit noch sichtbar? Die Morgenpost sprach dazu mit zwei Historikern sowie der Denkmaldatenbank des Landes Berlin und stieß auf einige bemerkenswerte Einsichten.
Stadthistoriker Benedikt Goebel von der Stiftung Mitte Berlin setzt sich seit Langem für die Wiederbelebung der historischen Altstadt ein. Seinen Angaben zufolge sind zahlreiche originale Bauwerke aus Berlins Anfangszeiten auch heute noch zu sehen, trotz der Zerstörungen. Zu diesen historischen Stätten zählen die Nikolaikirche mit ihrem Westwerk aus dem 13. Jahrhundert, die Marienkirche mit ihrem berühmten Wandfresko „Berliner Totentanz“ aus dem Jahr 1484 und die barocke Parochialkirche. Auch das Nicolaihaus, die Heilig-Geist-Kapelle, der Historische Hafen, der Schlosskeller im Humboldt Forum sowie der alte jüdische Friedhof an der Großen Hamburger Straße bewahren die Geschichte der Stadt. Ein bemerkenswerter Fundort ist das Rote Rathaus, wo im Keller die originale Mittelsäule einer mittelalterlichen Gerichtslaube zu finden ist, und der Innenhof das historische Längenmaß des Meters zeigt.
In Berlins Zentrum gibt es einige architektonische Schätze, die den Krieg unbeschadet überstanden haben. Laut Benedikt Goebel existierten im 18. Jahrhundert in ganz Berlin insgesamt fünf Dutzend Stadt- und Adelspalais, von denen nur noch sehr wenige erhalten sind. Eines dieser Gebäude ist das denkmalgeschützte Rokoko-Ermelerhaus am Märkischen Ufer, wo auch schon Modedesigner Harald Glööckler eine Veranstaltung austrug. Der Admiralspalast in der Friedrichstraße 101 ist ein weiteres Beispiel für ein erhaltenes Gebäude. Das Original-Nordportal am Bahnhof Friedrichstraße erinnert mit seinen braunen Backsteinen an den Baustil der 1920er Jahre. Am Prachtboulevard Unter den Linden allerdings sind fast alle von 64 historischen Gebäuden im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Eine Ausnahme bildet das ehemalige Jugendstil-Hotel „Carlton“ an der Ecke Charlottenstraße, welches 1902 erbaut wurde und heute Microsoft als Hauptstadtrepräsentanz dient. Echte Originale sind auch das Kino „Babylon“ am Rosa-Luxemburg-Platz, die Hackeschen Höfe, das Haus Schwarzenberg sowie das Charité-Gebäude, insbesondere das Medizinhistorische Museum und das Langenbeck-Virchow-Haus, das 1915 eröffnet wurde.
Der historische Schein kann jedoch trügen: Viele Gebäude, die in Berlin den Anschein jahrhundertealter Pracht genießen, sind lediglich architektonische Fälschungen. Diese schaffen eine Kulisse, die eine längst vergangene Epoche simuliert. Dies ist besonders deutlich am Boulevard Unter den Linden zu sehen, wo das Kronprinzenpalais und das benachbarte Prinzessinnenpalais, die in voller Pracht des Barocks und Klassizismus erstrahlen, in Wahrheit rekonstruierte Gebäude aus der DDR-Moderne der 1960er Jahre sind. Beide Gebäude wurden im Krieg vollständig zerstört und danach bis auf die Grundmauern abgetragen. Architekt Richard Paulick gestaltete zwischen 1963 und 1970 im Auftrag der SED die Fassaden neu, wobei das Innere des Prinzessinnenpalais einen modernen Stahlbeton-Kern erhielt.
Wenige Meter weiter am Pariser Platz trifft die nächste Illusion auf den Besucher: Das Hotel Adlon, das wie das einstige kaiserliche Prachtgebäude von 1907 aussieht, ist in Wirklichkeit ein Neubau, der im August 1997 eröffnet wurde. Das ursprüngliche Adlon wurde 1945 fast vollständig bei einem Brand zerstört. Die Architekten Patzschke & Partner schufen keinen exakten Nachbau, sondern entwarfen einen historisierenden Stil, der dem alten Mythos nachempfunden ist.
Wer eine noch ältere Atmosphäre wünscht, zieht oft ins Nikolaiviertel, das als Wiege Berlins gilt. Doch abgesehen von der echten Nikolaikirche ist das gesamte Viertel eine städtebauliche Illusion. Im Vorfeld der 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987 ließ die DDR eine künstliche Altstadt entstehen. Die vermeintlichen Bürgerhäuser sind in Wahrheit umgestaltete Plattenbauten, die mit historisierenden Elementen versehen wurden – eine Art sozialistisches Disneyland. Sogar das Ephraim-Palais, ein historisches Gebäude, wurde an einem anderen Standort neu errichtet.
Mitten in dieser Kulisse glaubt man, die echte bürgerliche Gastronomie Berlins zu erleben: Das Restaurant „Zur letzten Instanz“ in der Waisenstraße gilt als die älteste Gaststätte der Stadt. Die Legenden reichen bis ins 16. und 17. Jahrhundert zurück. Allerdings ist auch dieses Lokal eine perfekte Rekonstruktion aus dem Jahr 1963, da das ursprüngliche Gebälk im Krieg so stark beschädigt wurde, dass das heutige Ambiente das Resultat eines umfassenden Wiederaufbaus der Nachkriegszeit darstellt. Berlin bleibt sich selbst treu: Oft ist die Geschichte jünger, als sie auf den ersten Blick erscheint.
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