Junge Genossenschaft belebt Berlins größtes Antiquariat neu
Mit dem Öffnen der Ladentür strömen bereits die ersten Literaturbegeisterten ins Antiquariat Hennwack an der Feuerbachstraße 26. Während einige sich einen Kaffee besorgen und es sich in den Sesseln am Schaufenster bequem machen, durchstöbern andere sofort die Regale. Ein älteres Paar bringt zwei schwere Taschen mit, um ihre literarischen Schätze abzugeben. Seit einem Jahr läuft das Geschäft bereits so.
Einst war Hennwack das größte Antiquariat in Berlin, wenn nicht sogar in Deutschland, und hatte seinen Standort in der Albrechtstraße. Nach dem Rückzug des alten Inhabers aufgrund seines Alters übernahm eine Genossenschaft aus 13 jungen Menschen das Geschäft und führt die Tradition fort. Da ihre Fläche in dem ehemaligen Fahrradladen an der Feuerbachstraße allerdings nur noch etwa 250 Quadratmeter beträgt, konnten sie nur ein Drittel der über 400.000 Bücher übernehmen. Zuletzt erstreckte sich der Bestand auf etwa 1.000 Quadratmetern in einem stillgelegten Druckhaus in der Albrechtstraße.
Im ersten Jahr in der Feuerbachstraße, das am Samstag, dem 8. August, gefeiert wurde, gab es ein Fest mit Live-Musik, Essen, Trinken und natürlich Büchern zu gewinnen. Stammkunde Ingo Kuhnt, ein 62-jähriger Fotograf, zählt zu den ersten Besuchern des Tages. Er ist mindestens einmal pro Woche im Laden zu finden und sagt: „Hier finde ich immer was.“ Besonders gern stöbert er in der Abteilung für Fotobücher.
Die Zeit ist spürbar vergänglich, und mit den jungen Mitgliedern der Genossenschaft hat sich auch das Antiquariatsgeschäft verändert. Trotz der verwinkelten Gänge und endlosen Regale, die das typische Antiquariatsgefühl bewahren, gibt es nun auch einen Kaffeetresen, eine gemütliche Lese-Ecke und eine Auswahl von Neuerscheinungen. Im Vorgarten sind Tische und Stühle aufgestellt, die es den Besuchern ermöglichen, bei schönem Wetter Platz zu nehmen und sich auszutauschen.
Im ersten Jahr sind einige bemerkenswerte Fortschritte erzielt worden. Die Lagerfläche musste nicht länger im brandenburgischen Fürstenberg angemietet werden, und viele Bücher sind nun in Berlin. Neuerscheinungen werden stetig ausgebaut, „denn wir sind nicht nur ein Antiquariat, sondern auch eine normale Buchhandlung“, erläutern Genossenschaftsmitglieder Fritjof Stiller und Lutz Vössing. Die Abteilungen für Belletristik, Geisteswissenschaften und Philosophie laufen besonders gut, und auch die Berlin-Literatur erfreut sich großer Beliebtheit.
Das Publikum spiegelt den Bezirk wider, mit einem bunten Mix aus älteren und jüngeren Personen, die sich hier versammeln und über Bücher diskutieren. „Wir haben auch einen Kunden, der kommt mit dem Taxi und lässt sich wieder mit dem Taxi abholen“, bemerkt Lutz Vössing mit einem Schmunzeln. Trotz der anfänglichen Herausforderungen durch Umzugskosten und Mieten haben sie es sogar geschafft, sich früher als gedacht einen Lohn zu zahlen.
Die Genossenschaft hat auch den Anstieg von Online-Ankäufen aus dem Ausland festgestellt, wobei ganze Bücherkisten bestellt werden, insbesondere aus den 1970er Jahren. Obwohl solche Massenware für Antiquariate unattraktiv ist, vermuten die Besitzer, dass ihre Bücher möglicherweise für eine KI-Firma bestimmt sind, die sie digitalisieren will. Die genauen Konsequenzen sind ihnen jedoch noch unklar, auch wenn sie es positiv sehen, dass die Inhalte der Bücher nicht verloren gehen.
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Über den Autor
Mit über 15 Jahren Erfahrung im Hauptstadtsjournalismus leitet Markus S. die Redaktion von Hauptstadt-Report.de. Sein Fokus liegt auf der politischen Berichterstattung aus dem Berliner Senat und der Einordnung komplexer gesellschaftlicher Entwicklungen. Er steht für kompromisslose Unabhängigkeit, präzise Analysen und die Einhaltung höchster journalistischer Standards.
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