Elif Eralp: Die Linke wirbt um junge Unternehmer in Berlin
Die Jungunternehmer im Delta Campus hatten nicht schlecht gestaunt. Elif Eralp, die Spitzenkandidatin der Linken, trat in deren Start-up-Zentrum auf und gestand, dass sie Positives am Kapitalismus sieht. Vor allem, wenn es darum geht, Geld zu akquirieren, um die schwierige Wachstumsphase der Start-ups zu überstehen, äußerte sie: „Wir müssen internationales Kapital anziehen“ und fügte hinzu, dass man dafür weltweit werben müsse. Diese Worte überraschten, denn die Linke wird von politischen Gegnern oft als „Investitionsbremse“ und „Risiko für Berlin“ bezeichnet, insbesondere aufgrund ihrer Enteignungspläne großer Wohnungsunternehmen.
Beim „Policy Pitch“ des Digitalverbands Bitkom und des Startup-Verbands formulierte Eralp in ihrem geplanten Statement auch für mehr Direktflüge vom Flughafen BER. Ihr Ziel ist es, die Bedingungen für Gründerinnen und Gründer zu verbessern und die Kreditvergabe zu vereinfachen. Zudem betonte sie, dass die Verwaltung mehr Englisch sprechen sollte und bei der Auftragsvergabe schneller agieren und lokale Unternehmen stärker berücksichtigen sollte. Ihr Plädoyer für die Bekämpfung teurer Mieten sowie ein leidenschaftliches Bekenntnis zu einer „vielfältigen, toleranten Stadt“ als wichtigen Standortfaktor passten zwar eher ins gewohnte Bild, konnten aber als positive Botschaften gewertet werden.
Am 20. September wird Eralp versuchen, mit ihrer Partei zur stärksten Kraft zu werden und das Rote Rathaus zu gewinnen. Um dies zu erreichen, ist es klug, sich auch mit Personen außerhalb des traditionellen Wählerklientels zu präsentieren. Während ihres Auftritts im Delta Campus trat sie gegen ihre Mitbewerber Stefan Evers (CDU), Werner Graf (Grüne) und Steffen Krach (SPD) im Pitching an. Diese Art von Konkurrenz ist notwendig, da Investoren in der Regel nur zwei Minuten Zeit geben, um ihre Ideen zu überzeugen. Obwohl die Wirtschaftspolitik nicht zu den Hauptanliegen der Linken zählt, scheint Eralp unter den Start-up-Gründern einige positive Eindrücke hinterlassen zu haben.
Das Thema Enteignungen, das von verschiedenen Kammern und Verbänden als ernsthafte Bedrohung für die Wirtschaft Berlins wahrgenommen wird, wurde an diesem Abend nicht angesprochen. Auch in der IT-Branche, die in Start-ups investiert, herrscht ein gewisses Unbehagen gegenüber dem Thema, wie die Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) bestätigte.
Im Gespräch mit Betriebsräten eines Berliner Industriebetriebs, Eralp besuchte das Tegeler Kompressorenwerk von Everllence, wurde wiederum klar, dass die Vergesellschaftung in der Industrie nicht zur Diskussion steht. Hier traf sie auf erfahrene Arbeitnehmervertreter, die zum Teil eine enge Bindung zur SPD haben. Am Standort, wo 400 Mitarbeiter Turbokompressoren nach spezifischen Kundenanforderungen anfertigen, erfuhr Eralp von Werkleiter Sven Düsselmann und dem Betriebsratsvorsitzenden René Marx, wie wichtig diese präzise Arbeit für die zukünftige Energieinfrastruktur ist. Everllence investiert derzeit acht Millionen Euro in neue Maschinen und hofft, diese Technik auch in Berlin anbieten zu können.
Constantin Borchelt, Chef der IG Metall Berlin, warf einen Blick auf die Wahlprogramme und stellte fest, dass die Industrie kaum Beachtung findet. Gewerkschafter und Betriebsräte streben einen dauerhaften Dialog mit der potentiellen künftigen Bürgermeisterin an und betonten, dass die echten Gegebenheiten der Berliner Werke in Gesprächen mit Arbeitnehmervertretern vermittelt werden sollten.
Elif Eralp zeigte sich bei ihrer Werksbesichtigung interessiert und machte sich Notizen. Sie ist mit den Forderungen der IG Metall zur Wahl, die unter anderem die Sicherung der Industrie und Investitionen in die Transformation beinhaltet, vertraut und unterstützt diese. Ein entscheidender Punkt ist die Flächenfrage, da Unternehmen wie der Aufzugshersteller Otis in Reinickendorf auf der Suche nach neuem Gelände sind. Der Senat habe hier bislang nicht ausreichend Unterstützung angeboten, wie ein Betriebsrat äußerte. Eralp versprach, sich des Themas anzunehmen.
Die Diskussion über die Idee, Berlin als „Energy City“ zu bewerben, fand großen Anklang bei Eralp. Im Gespräch mit verschiedenen Vertretern von Firmen wurde die Notwendigkeit schneller Genehmigungen zur Beschleunigung der Investitionen in der Branche thematisiert. Insgesamt stellten die Betriebsvertreter fest, dass auch bei der Wohnungsbauplanung mehr auf die Industrie Rücksicht genommen werden müsse, um eine Schließung von Standorten in Berlin zu verhindern. Auch wenn es nur ein aufmerksames Ohr von der Politik werden könnte, einer der Betriebsvertreter schloss mit den Worten, dass die Industrie viele gut bezahlte Jobs bietet, deren Abbau nicht im Interesse der Stadt sein sollte. Am Ende der Treffen bedankt sich Eralp: „Danke, ich habe viel von euch gelernt“, und die IG Metall plant bereits ähnliche Gespräche auch mit anderen Parteien.
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Über den Autor
Mit über 15 Jahren Erfahrung im Hauptstadtsjournalismus leitet Markus S. die Redaktion von Hauptstadt-Report.de. Sein Fokus liegt auf der politischen Berichterstattung aus dem Berliner Senat und der Einordnung komplexer gesellschaftlicher Entwicklungen. Er steht für kompromisslose Unabhängigkeit, präzise Analysen und die Einhaltung höchster journalistischer Standards.
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