Linke triumphiert in Berlin – eine riskante Wende
Im Festsaal Kreuzberg feiert Elif Eralp am Sonntagabend ausgelassen, während der kurdische Freiheitsgesang „Jin, Jiyan, Azadi“ spielt. Der Abend vermittelt den Eindruck eines Regimewechsels statt einer Wahl zum Abgeordnetenhaus. Auf einer anderen Wahlparty in Neukölln zeigt der Clan-Boss Issa Remmo, dass er sich in diesem neuen politischen Klima offenbar wohlfühlt. Am Ende des Abends erntet die Linke einen historischen Sieg: Sie hat ihren Stimmenanteil auf 25,7 Prozent mehr als verdoppelt und ist erstmals die stärkste Kraft in Berlin, deutlich vor der bisher regierenden CDU (18,8 Prozent), der AfD (16,3 Prozent), den Grünen (14,3 Prozent) und der SPD (12,1 Prozent), die mit einem historischen Rückschlag konfrontiert ist. Die Linke verzeichnet einen Gewinn von 13,5 Punkten, während CDU und SPD insgesamt fast 16 Prozent verlieren. Dies stellt ein erhebliches Debakel für die bürgerliche Mitte dar und verändert die Machtverhältnisse in Berlin grundlegend.
Die Linke macht keinen Hehl aus ihren Zielen: Sie plant, große Wohnungskonzerne „zu vergesellschaften“, was unter dem Strich als Enteignung zu verstehen ist. Außerdem beabsichtigt sie, die Polizeiarbeit zugunsten sozialer Initiativen zu reduzieren, in einer Stadt, die bereits eine der höchsten Kriminalitätsraten in Deutschland aufweist. Diese Strategie könnte entweder als Kurswechsel interpretiert werden oder als ernsthaftes Risiko für die öffentliche Sicherheit.
Das Wahlergebnis ist demokratisch und muss respektiert werden. Mehr als ein Viertel der Stimmen entfiel auf die Linke, eine Leistung, die keiner anderen Partei gelungen ist. Dennoch gibt es keinen automatischen Weg zum Roten Rathaus, und die anderen Parteien sind nicht verpflichtet, die radikalen Vorschläge der Linken einfach zu übernehmen.
SPD und Grüne stehen nun vor grundlegenden Fragen. Nur weil die Linke die meisten Stimmen erhalten hat, werden ihre Konzepte nicht automatisch legitimiert. Was kosten Enteignungen tatsächlich? Wer glaubt, dass diese Maßnahmen zum Bau neuer Wohnungen führen? Wie würde eine Abnahme der Polizeipräsenz die Sicherheit in der Stadt beeinflussen? Und wie wird die Linke mit dem Antisemitismus in ihren eigenen Reihen umgehen? Darüber hinaus ist der Auftritt eines Clan-Bosses auf einer Wahlparty der Linken schwer mit dem Anspruch zu vereinbaren, eine seriöse Regierungspartei zu sein.
Diese Fragen können nicht länger als nebensächlich angesehen werden und müssen nun von der SPD sowie den Grünen beantwortet werden. Ihre Reaktion auf eine Partei, die Enteignungen und eine Schwächung der Polizei propagiert und in Bezug auf den Antisemitismus in ihren Reihen zögerlich agiert, wird entscheidend dafür sein, wie ernsthaft sie sich selbst und ihre politischen Ziele noch nehmen.
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Über den Autor
Julian K. ist im Berliner Kiezleben zu Hause und hält den Puls der Stadt im Blick. Seine Berichterstattung deckt das gesamte Spektrum ab – vom Profi- und Breitensport über Kulturveranstaltungen bis hin zu Eilmeldungen aus den zwölf Bezirken. Dank seines starken Netzwerks gehört er zu den Ersten, wenn es um aktuelle Ereignisse in der Metropolregion geht.
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