Berliner Radabenteurer erreicht Indien nach extremen Herausforderungen
John Müller hat eine außergewöhnliche Leistung vollbracht: Er bewältigte auf seinem Fahrrad eine Strecke von 8000 Kilometern, die ihn durch 15 Länder führte. Unter dem Motto „Für die Chemokids“ sammelte der Berliner während seiner beeindruckenden Reise von Berlin bis zum Taj Mahal fast 50.000 Euro, um krebskranken Kindern neue Hoffnung zu geben. Durchschnittlich radelte er 100 Kilometer pro Tag bei einer Geschwindigkeit von 32 Kilometern pro Stunde. Doch der Beginn dieser Reise lag nicht im Mai 2026 am Brandenburger Tor, sondern bereits zwei Jahre zuvor in der kargen Umgebung einer Krebsstation. Müller, der an einem seltenen Ewing-Sarkom litt, hat den Kampf gegen die Krankheit überstanden. Der Betriebswirt aus dem Allgäu hatte sich erst vor Kurzem nach Stuttgart begeben, um für Mercedes-Benz zu arbeiten. Heute lebt er in Berlin.
Immer wieder stand Müllers Projekt kurz vor dem Ende, doch sein unerschütterlicher Wille und die Gedanken an die Kinder, denen er helfen wollte, motivierten ihn, mörderische Gebirgspässe und politische Sperrgebiete zu überwinden. Die größte Herausforderung kam im Pamir-Hochland in Tadschikistan, einer der isoliertesten Gegenden der Welt. Hier musste Müller täglich etwa 2000 Höhenmeter überwinden, um sich durch atemberaubende, über 7000 Meter hohe Berge zu arbeiten. An seinem Zielort wurde er von seiner Mutter Natalia Henninger, seinem Bruder Jack und seinem ehemaligen Trainer Konrad Schweighart empfangen.
Die Straßen waren alles andere als gut ausgebaut; Müller kämpfte sich über zerstörte Schotterwege, die durch verheerende Naturkatastrophen nicht mehr passierbar waren. Ganze Dörfer waren evakuiert, und Sturzfluten hatten die Wege weggeschwemmt. Nur die Hilfe eines einheimischen Fischers, der ihn und sein Fahrrad über einen überfluteten Bereich brachte, ermöglichte es ihm, seine Route fortzusetzen. Die Wasserversorgung war gefährlich, da er Wasser aus Flüssen und Seen abzapfen musste. Ein zusätzlicher Wasserfilter eines anderen Radfahrers war entscheidend, um ihm einen gesundheitlichen Kollaps zu ersparen.
Zwei Tage verbrachte Müller in einer völlig verlassenen Region ohne jegliche Zivilisation. Nach einer frostigen Nacht auf großen Höhen überquerte er den Pass an der afghanischen Grenze. Dort wurde er mit großer Gastfreundschaft empfangen, als Einheimische ihm riesige Portionen Plov, Kompott und die besten Süßigkeiten servierten. „Allah hat gesagt, du bist unser Gast“, betonten sie. Diese Stärkung war wichtig, denn der erwartete Grenzübergang war geschlossen, und sein Visum war nur noch drei Tage gültig. In der Dämmerung half ihm ein Lkw-Fahrer, der ihn die ganze Nacht entlang der afghanischen Grenze fuhr, wobei der Lastwagen zweimal repariert werden musste. Schließlich erreichte er den einzigen offenen Grenzübergang, Shir Khan Bandar, nach zehn Tagen in Afghanistan.
Müller beschreibt Afghanistan als extrem konservativ: „Die Taliban kontrollieren das öffentliche Leben. Frauen werden regelrecht ausradiert, und Musik ist streng verboten“, berichtet er. Zudem herrscht eine unvorstellbare Hungersnot. Um Respekt und Sicherheit zu gewährleisten, passte er sich an und trug trotz 40 Grad Hitze lange Kleidung. Die Kommunikation war durch Englisch, aber auch durch kleine Kenntnisse in Farsi, Paschtu und Usbekisch möglich.
Beeindruckt von der Kriminalitätsrate in Afghanistan, bemerkte Müller: „In Afghanistan kann man sein Fahrrad 15 Minuten lang ohne Schloss stehen lassen, ohne dass etwas passiert.“ Die Nervenbelastung war jed jedoch enorm. Zweimal wurde nachts die Tür seiner Unterkunft mit dem Fuß eingetreten. Bewaffnete Taliban durchsuchten alles, durchwühlten sein Smartphone und kontrollierten seinen Reisepass, was einzig aus Neugier geschah, da viele noch nie einen Europäer gesehen hatten.
Nach der Durchquerung Afghanistans begab Müller sich nach Pakistan, wo die Situation zwar ebenfalls konservativ war, aber weniger extrem. Das Internet funktionierte wieder einwandfrei. Doch die größte Herausforderung wartete an der Grenze zu Indien: Diese war durch hohe Absperrungen gesichert. Während der militärischen Zeremonie am Wagah-Grenzübergang, geprägt von aggressiver Kriegspropaganda, wurde ihm der landseitige Übergang verweigert. Müller reagierte spontan und flog von Lahore in die Vereinigten Arabischen Emirate und danach nach Delhi. Auf den letzten 230 Kilometern wurde er vom indischen Monsun mit heftigem Regen empfangen.
Kurz vor seinem Ziel wurde er von einer schweren Magen-Darm-Erkrankung, umgangssprachlich „Delhi Belly“ genannt, zurückgeworfen. Doch aufgeben war für ihn keine Option. Nach vielen Entbehrungen erreichte John Müller schließlich das beeindruckende Taj Mahal. Trotz seiner Schönheit musste er sich mit absurden bürokratischen Hürden auseinandersetzen: Er durfte sein Fahrrad und seinen Helm nicht mit auf das Gelände bringen, und Blumen sowie Luftballons waren absolut verboten. Dennoch war der Moment des Triumphs perfekt. Müller zog das Fazit: „Wenn man etwas wirklich will, ist alles möglich.“ Sein Engagement wird nun 50.000 Euro direkt an die Chemokids bringen, um schwerstkranken Kindern zu helfen. Der 26-Jährige plant, ein Buch über seine abenteuerliche Spendensammelreise zu schreiben, dessen Erlös komplett in den Krebs-Notfallfonds fließen soll. Er betont, dass schon die kleinste Spende dabei hilft, Leben zu retten.
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Über den Autor
Mit über 15 Jahren Erfahrung im Hauptstadtsjournalismus leitet Markus S. die Redaktion von Hauptstadt-Report.de. Sein Fokus liegt auf der politischen Berichterstattung aus dem Berliner Senat und der Einordnung komplexer gesellschaftlicher Entwicklungen. Er steht für kompromisslose Unabhängigkeit, präzise Analysen und die Einhaltung höchster journalistischer Standards.
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